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Cracking – der Call unserer Zeit

  • Autorenbild: Norbert Lanter
    Norbert Lanter
  • vor 1 Stunde
  • 2 Min. Lesezeit

Wenn das Vertraute brüchig wird, zeigt sich, woran wir uns wirklich orientieren.


In meinem Buch «Zurück auf die eigene Spur» beschreibe ich Cracking meist als persönliche Erfahrung: Momente, in denen etwas im eigenen Leben nicht mehr trägt. Gewissheiten bröckeln, innere Spannungen nehmen zu, alte Strategien greifen nicht mehr. Es fühlt sich an wie ein Riss – unbequem, verunsichernd, manchmal beängstigend. Und doch: Cracking folgt einer inneren Logik. Es kündigt einen Übergang an.


In den letzten Monaten zeigen sich solche Cracking-Phänomene ganz deutlich auch in der äusseren Welt. Wer die aktuellen Verschiebungen in der Weltordnung aufmerksam beobachtet, spürt etwas Ähnliches: Verlässlichkeiten lösen sich auf, Machtverhältnisse verschieben sich, Regeln verlieren ihre Bindekraft. Was lange als stabil galt, wirkt plötzlich fragil.

Auch Gesellschaften durchlaufen Phasen. Sie reifen, verfestigen sich, geraten unter Spannung – und kommen an Punkte, an denen das Alte nicht mehr funktioniert, während das Neue noch keine klare Form hat. An solchen Stellen entstehen diese Cracks. Sie sind sichtbares Zeichen innerer Spannung.


Cracking ist dabei mehr als eine vorübergehende Krise: es ist ein Call. Und die Frage, die nun immer drängender wird, lautet: Bleiben wir uns treu – oder passen wir uns an, um nicht anzuecken?

Im individuellen Leben kenne ich diese Dynamik gut. In Übergangsphasen ist die Versuchung gross, ins Schulterzucken und härter Weitermachen zu rutschen: «Es wird schon wieder», Sicherheit erkaufen, Leistung steigern, um das Unbehagen zu überdecken. Kurzfristig funktioniert das. Langfristig entfernt es uns vom Wesentlichen.


Auf kollektiver Ebene zeigt sich ein ähnliches Muster. Wenn Macht offen ausgespielt wird, wächst der Druck zur Anpassung: Nicht auffallen, mitziehen, hoffen, dass es einen selbst nicht trifft. Doch auch hier gilt: Anpassung ersetzt keine innere Ausrichtung. Sie schafft Ruhe nach aussen, aber Leere nach innen.


Diese Art von Cracking stellt keine moralische, sondern eine existentielle Frage:

Woran orientieren wir uns, wenn äussere Sicherheiten brüchig werden?

Im letzten Kernstück meines Buches spreche ich vom Kernbewusstsein als kollektiver Kraft. Nicht im Sinn einer Ideologie, sondern als Qualität: Präsenz, Verbundenheit, Verantwortungsgefühl. Die Fähigkeit, Realität zu sehen, ohne sich von Angst treiben zu lassen. Die Bereitschaft, Werte nicht nur zu benennen, sondern zu verkörpern. Selbst dann, wenn es nicht opportun ist.

 

Einer der Calls unserer Zeit ist, nicht unbewusst schneller, lauter oder härter zu werden. Sondern innerlich klarer, standfester, wahrhaftiger. Echte Zuversicht und Klarheit kommen nicht von aussen. Es braucht zuerst ein Zurücktreten aus der Dauererregung. Im Zurückbesinnen auf den eigenen Kern – jenem inneren Ort, der nicht reagiert, sondern ausrichtet. Wer von dort aus auf die Welt blickt, verliert weniger schnell den Mut, weil Orientierung nicht mehr allein von äusseren Sicherheiten abhängt.Kerntreuenährt Zuversicht – auch in unübersichtlichen Zeiten. 





 
 
 

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