• Norbert Lanter

Gravierende und weniger gravierende Denkfehler

Es ist paradox: Obwohl wir vernünftige Wesen sind, ist unser automatisches Denken durchsetzt von einigen Denkfehlern. Sie entstehen, wenn wir die Realität der Welt nicht so sehen, wie sie ist. Die Folgen einiger Denkfehler können gravierender sein als andere.


Bruce Hood beschreibt in seinem Buch „Super Sense“ zwei Arten von Denkfehlern. Sie können kollektiv und natürlich auch individuell vorkommen. Es ist gut, diese zu kennen.


Fehler vom Typ 1: Ein Muster sehen, wo keines ist.

Dieser Fehlertyp macht uns anfällig für Geschichten, die überzeugend erzählt werden, z.B. warum die Börse sich auf jeden Fall nach oben bewegen wird. Fakt ist: Die Entwicklung der Finanzmärkte wird von sehr vielen - auch heute noch unbekannten - Faktoren beeinflusst. Das ist die Umschreibung von Komplexität. Deshalb kann wirklich niemand eine sichere Vorhersage machen. Menschen können sehr leichtgläubig sein, weil sie Sicherheit gegenüber Unsicherheit bevorzugen. Sie glauben an Geschichten über die Welt und sich selbst, die ihnen Sicherheit und Kontrolle versprechen. Deshalb ist dieser Fehlertyp sehr häufig.


Fehler vom Typ 2: Kein Muster sehen, wo eines ist.


Fehler vom Typ 2 sind seltener. Um sie zu erkennen, müssen wir gewisse Phänomene von ziemlich weit aussen betrachten. Auf der Weltbühne können wir eine ganze Reihe von Typ 2-Fehler erkennen.

  • Beispiel Corona: Mutierende Viren können lebende Systeme - auch Menschen - ernsthaft gefährden. Schon frühere Pandemien haben die Menschheit dezimiert. Durch die globale Vernetzung verringert sich die Distanz zwischen Menschen. Nicht nur die wirtschaftliche, sondern auch die gesundheitliche Abhängigkeit nimmt stetig zu.

Kaum jemand hätte es für möglich gehalten, dass ein Virus die Kraft hat, die globalisierte Welt nachhaltig zu verändern.
  • Beispiel Klimaveränderung: Dass die globale Erwärmung einen Einfluss auf Wetterphänomene in der Erdatmosphäre hat, ist in einem komplexen System unvermeidbar. Wenn die Nutzung von Ressourcen grösser ist als deren Regeneration, wird das System instabil. Es gibt sog. „Tipping Points“, in denen die Instabilität umschlägt und sich z.B. Klimabedingungen viel schneller verändern, als wir das gewohnt waren.

  • Beispiel „Cyberwar“: Das Muster „Durchsetzung mit Gewalt“ (Krieg) gab es in der Menschheit schon immer - und wird es auch immer geben. Es sei denn, das kollektive Bewusstsein der Menschen würde sich ändern. Nur weil ich mir ein solches Muster wünsche und mich deshalb dafür engagiere, wäre ein Fehler vom Typ 1. Im Moment herrscht das Muster „Gewalt“ vor. „Krieg“ ist daran, sich ins Internet zu verlagern. Die Risiken von permanenten „Cyberwars“ sind sehr gross, die Wirkungen nochmals ungleich höher.

  • Schliesslich das Beispiel Ukraine: Ebenfalls ein typischer Typ 2-Fehler. Die Aggressionen Russlands gegenüber unabhängiger Föderationsstaaten der ehemaligen Sowjetunion folgte einem jahrelangen Muster. Selbst sehr erfahrene Politiker zeigten sich überrascht vom Überfall Russlands auf die Ukraine.

Kaum jemand hätte es für möglich gehalten, dass innert weniger Wochen in Europa wieder eine Art „eiserner“ Vorhang notwendig würde.

Zum Schluss die Geschichte eines individuellen Denkfehlers vom Typ 2

Ein Höhlenbewohner, in dessen Jagdrevier regelmässig ein gefährlicher Tiger auftaucht, befindet sich auf der Jagd. Plötzlich hört er hinter sich ein Rascheln. Er hat nun zwei Möglichkeiten: Er kann die Flucht ergreifen, weil er denkt, der Tiger würde ihn sicher jeden Moment angreifen (Fehler vom Typ 1). Hier ist schlimmstenfalls die Jagd für heute erfolglos. Oder er jagt weiter und denkt, er könne das schon richtig einschätzen und der Tiger werde ihn bestimmt nicht angreifen (Fehler vom Typ 2). Doch das Gegenteil geschieht: Der Höhlenbewohner wird vom Tiger gefressen. Was zeigt: Denkfehler vom Typ 2 können weit dramatischere Folgen haben als Fehler vom Typ 1.